Torre del Paine Nationalpark -Eine Wanderung durch Patagonien

patagonien02Ein langer, rauer Winter geht bei uns zu Ende, die Tage werden wieder länger, die Temperaturen. steigen. Warum sich gerade jetzt am anderen Ende der Welt zunehmend kälteren und unwirtlicheren Wetterverhältnissen aussetzen? Weil es der beste Zeitpunkt für eine Wanderung durch den chilenischen Nationalpark Torres del Paine ist, wenn der Großteil der Bergsteiger und Wanderer schon längst abgereist ist und sich die Natur in Patagonien still und leise auf den Winter vorbereitet
TORRES DEL PAINE
„Gewitter?“ Der chilenische Parkrangen lacht. „Nein, Gewitter gibt es hier nicht, aber an das Donnern wirst du dich gewöhnen müssen“, erklärt er mir belustigt auf meine Frage, ob es eine gute Idee sei, bei diesem Wetter zum Wandern aufzubrechen wandern tirol. Immer dichter ziehen sich die Wolken um die mächtigen Felswände des Paine Grande Massivs zusammen, bis sie ganz verhüllt sind. Es beginnt leicht zu regnen, aber das Donnern hat einen anderen Grund, wie ich schon bald mit eigenen Augen sehen werde.
Beruhigt starte ich an diesem trüben Herbsttag mit meinem kleinen, dafür aber voll bepackten Rucksack, den berühmten „W“-Wanderweg im Natio-nalpark Torres del Paine, der mich in den nächsten fünf Tagen entlang der mächtigen Gebirgsstöcke Paine Grande und Cuernos del Paine ans andere Ende des Parks zu den Felstürmen Torres del Paine führen wird. Der Verlauf des Weges ergibt ungefähr die Form eines „W“, daher auch der Name.
Torres del Paine im Süden Chiles ist einer der meistbesuchten Nationalparks Südamerikas, entsprechend gut ist die Infrastruktur. Neben zahlreichen Campingplätzen gibt es auch einige große Berghütten, sogenannte Refugios, die teilweise schon mehr Hotel- als Hüttencharakter haben. Vom Bettenlager bis zum Luxuszimmer, vom Frühstück über das Lunchpaket bis zum Abendessen, vom  Campingkocher bis zur Zahnbürste, alles ist in den Refugios erhältlich. Ich habe mich für „Komfort mit sportlichen Ambitionen“ entschieden Bettenlager und Abendessen im Re- fugio, den Rest trage ich auf meinem Rücken.

GLETSCHER UND GEWITTER Dank des nicht unwesentlichen Ge-wichtsvorteils gegenüber den Campern, deren Rucksäcke ihre Köpfe oft weit überragen, wandere ich zügig hi nauf zum See Grey. Zu den herbstli- chen Goldtönen der Steppe rund urn das Gebirgsmassiv, mischt sich schon bald eine weitere Farbe. Schwarz. Im- mer wieder verursachen achtlose Wanderer Brände. Ende 2011 wütete in diesem Teil des Parks ein Großbrand, der erst nach Tagen unter Kontrolle gebracht werden konnte. Nur langsam kämpfen sich Grünpflanzen durch die verbrannte Erde und umwachsen die verkohlten Baumstämme. Eine Schar kleiner Vögel mit knallig gelben Bäuchen liefert zusätzlich einen erfrischenden Farbklecks.

patagonien01Rechtzeitig, als ich auf einer Anhöhe ankomme, die erstmals den Blick auf den dahinterliegenden See freigibt, hört der Regen auf. Auch die Gipfel sind wieder frei von Wolken, dafür mit Schnee weiß angetuckert. Und da ist es wieder, das Donnern. Gewitter sind hier im Süden Patagoniens so selten, dass sich keiner der Einheimischen, die ich im Laufe meiner Reise gefragt habe, überhaupt erinnern konnte hier schon einmal eines erlebt zu haben.
Des Rätsels Lösung sind die Gletscher, die sehr aktiv sind. Immer wieder brechen Brocken aus den Glet-schern und donnern lautstark ins Tal. Grund zur Sorge besteht aber
keiner. Die Gletscher sind weit genug weg.
Auch der riesige, über 25 km lange und bis zu 6 km breite Gletscher Grey, der in den gleichnamigen See kalbt, ist nicht untätig. Das beweisen die zahlreichen türkis schimmernden Eisberge und -brocken, die in den verschiedensten Formen auf dem Wasser treiben.
Entlang dem See führt der gut aus-getretene Weg über herbstliche Wiesen und steinige Passagen zur Abbruchkante des Gletschers. Dort liegt etwas abseits, gut im Wald versteckt, das Refugio Grey, mein heutiges Ziel, das ich dank kräftigem Rückenwind rechtzeitig vor dem nahenden Regenschauer und mit wenig Kraftanstrengung erreiche. Im angenehm geheizten Aufenthaltsraum laden gemütliche braune Ledersofas zum Verweilen und Erfah-rungsaustausch mit den anderen Gästen ein. Bei einem schmackhaften Hühnergeschnetzelten zum Abendessen hole ich mir weitere Tipps für die nächsten Tage und höre spannende Reiseabenteuer von Wanderern aus aller Welt.Spiel der Elemente
In der Früh weckt mich neuerlich ein Regenguss, der heftig gegen das Fenster prasselt und keine Anzeichen macht, aufzuhören. Den Plan ein Stück weiter Richtung Gletscher hinaufzuwandern, bevor ich zum Refugio Paine Grande gehe, verwerfe ich umgehend. Dafür schenke ich mir noch eine Tasse Tee ein und schmökere in den Büchern der Hüttenbibliothek. Erst gegen Mittag hört es endlich auf zu regnen. Die dunklen Wolken verziehen sich, es schimmert tatsächlich ein bisschen blau durch. Sofort packe ich meinen Rucksack und gehe los.
Gestern galt meine ganze Aufmerksamkeit den Bergriesen, die in den endlosen Weiten Patagoniens plötzlich wie aus dem Nichts bis zu 3.000 Meter in die Höhe ragen. Heute richtet sich mein Blick mehr nach unten auf die vielen verschiedenen Flechten und Moose, die mit enormer Farb-und Formvielfalt den felsigen Untergrund überziehen. Dabei übersehe ich leider, dass es über dem See hinter mir schon wieder heftig zu regnen begonnen hat. Es ist nur mehr eine Frage von Minuten, bis der Regen auch mich erwischt.
Während ich die nächsten 40 Mi-nuten zwar unbequem, aber trocken und relativ windstill unter einer Felswand kauere, kämpfen sich andere Wanderer tapfer durch den Regenschauer, der von einem heftigen Sturm begleitet wird. Anfangs hält sich mein Verständnis für diesen Ehrgeiz in Grenzen, dann überkommt mich plötzlich eine unangenehme Vermutung: „Sind diese Wetterverhältnisse hier normal und lässt sich deshalb keiner von Sturm und Regen aus der Ruhe bringen?“

DAS REICH DES PUMAS
Diese Befürchtung bestätigt sich glückli-cherweise nicht. Am nächsten Morgen ist der Himmel strahlend blau. Die auf-gehende Sonne taucht die Berge des Pai-ne Grande Massivs in sanftes Rot und Orange. Doch nicht nur deshalb mache ich mich so früh auf den Weg. Ich hoffe auf eine besondere Begegnung. Die Step-penlandschaft mit ihren sanften Hügeln hier im Fuße der Berge ist das ideale Terrain für die Guanacos, die patagoni-schen Lamas. Ihre Population im Park ist gar nicht so gering, aber sie sind sehr scheu und deshalb nur selten entlang des Weges anzutreffen. „Ich probiere es trotzdem, vielleicht habe ich ja Glück und entdecke welche in der Früh, wo noch wenig los ist“, denke ich optimis-tisch und halte aufmerksam Ausschau.
Einem anderen ebenfalls hier ver-tretenen Tier möchte ich alleine lieber  nicht begegnen. Dem Puma. Der Natio-nalpark ist auch sein Lebensraum, doch ihm zu begegnen, ist noch unwahr-scheinlicher. Die unglaublichen Erzäh-lungen über nächtliche Sichtungen nahe dem Weg dienen wohl nur dazu die Camper ein wenig zu erschrecken.
Letztendlich sehe ich weder Gua-nacos noch Pumas. Ich wandere weiter auf dem eben dahinführenden Weg entlang von Seen, über große und kleine Bäche und durch typische LengaWälder. Die Lengas mit ihren kleinen Bättern sind sehr robuste Bäume, die perfekt mit den rauen Klimaverhältnissen im südlichen Patagonien zurechtkommen. Von einigen sind nur noch bizarr wirkende verkohlte Stämme übrig – auch hier hat das Feuer gewütet – einige sind noch saftig grün, andere haben bereits in ihr farbenfrohes herbstliches Kleid gewechselt.

Direkt voraus liegt die geologisch einzigartige Gruppe der Cuernos del Paine. Die dunklen Berge werden von einem breiten, hellen Felsband durchzogen. Die wissenschaftliche, spanische Erklärung stellt eine gewaltige Herausforderung an meine Sprachkenntnisse. Im Grunde geht es jedoch darum, ‚dass vor Millionen von Jahren Magma in das bestehende Sedimentgestein eindrang und dort zu hellem Granit erstarrte. Intrusion nennt sich dieses Phänomen, wie ich bei meiner nachträglichen Inter-netrecherche herausfinde.
Besonders gut sehen kann man die unterschiedlichen Gesteinsschichten vom Valle del Frances aus. Steil berg-auf führt der Weg in das schmale Hochtal zwischen Paine Grande und Cuernos del Paine. Vermehrt ist wieder ein Donnern zu hören, das immer lau-ter wird. Ein kleines Aussichtsplateau in der Mitte des Tales gewährt den direkten Blick auf den rastlosen Glet-scher. Während ich mir inmitten der Bergriesen meine Jause schmecken lasse, donnern vor mir die Eisbrocken ins Tal. Dabei bekomme ich besonde-ren Besuch: Ein kleiner dunkelgrüner Kolibri, der aus dem Nichts herbeiflat-tert, macht direkt vor meiner Nase halt, schaut mich neugierig an und fliegt munter weiter. „Kolibris sind hier gar nicht so selten“, bestätigen mir abends die Mitarbeiter im Refugio, als ich begeistert von meiner tierischen Begegnung erzähle. Beim gemeinsa-men Abendessen mit anderen Wande-rern werden auch wieder Geschichten und Erlebnisse ausgetauscht. Jeder hat so seine persönlichen Highlights. Für ein junges brasilianisches Pärchen aus Sao Paolo war es die Erfahrung, erst-mals richtigen Schnee zu sehen. „Wir glauben, wir haben bei den Torres oben Schneefall gesehen, aber ganz sicher sind wir nicht“, gestehen sie mir etwas verunsichert. Ich bestätige ihre Vermutung schmunzelnd und mir wird wieder einmal bewusst, wie groß und vielfältig unser Planet doch ist. Gleichzeitig bin ich auch froh, in einem Erdteil geboren zu sein, in dem es vier Jahreszeiten gibt.
Nach einem kleinen philosophi-schen Exkurs falle ich erschöpft ins Bett. Die brennenden Öfen am Gang machen mir Hoffnung, dass es diese Nacht nicht wieder so bitterkalt wird. Mein dünner Hüttenschlafsack ist für diese Temperaturen nämlich absolut ungeeignet. Decken gibt es nur in den gut ausgestatteten und leider auch völ-lig überteuerten Zimmern, nicht aber im Lager. Doch auch wenn ich wieder friere, bin ich heute Nacht besonders froh, die Hüttenvariante gewählt zu haben. Denn über Nacht war ein or-kanartiger Sturm aufgezogen, dem sogar die Fenster des Refugios nur mit Mühe standhalten konnten. „An Schlaf war nicht zu denken“, stöhnen einige Camper beim Frühstück im Refugio. „Wir wussten nicht, wovor wir mehr Angst haben sollten, vom Zelt erdrückt oder von herabfallenden Asten erschla-gen zu werden.“

DIE TORRES DEL PAINE
In der Früh hat sich der nächtliche Sturm gelegt und ist wieder auf die für diese Jahreszeit typische Stärke abgeflaut. Am strahlend blauen Himmel löst die Sonne den kitschig hinter den Bergen untergehenden Vollmond ab. Perfekte Bedingungen zum Wandern. Die heutige Etappe ist allerdings nicht besonders weit. Lediglich gemütliche 11 km sind es durch die flache Steppenlandschaft am Fuße der Berge bis zum Refugio Las Torres. Es wird ein Tag zum Ausspannen und Genießen.
Die vielen Aussichtspunkte und kleinen Seen entlang des Weges laden zum Verweilen ein. Doch obwohl ich in der Sonne wandere, macht es mein windiger Dauerbegleiter nach wie vor sehr frisch. Ich gehe lieber noch ein Stück weiter, ich habe da wieder so eine Vermutung.
Diesmal behalte ich Recht. Die Wanderer, die mir entgegenkommen, sind auf einmal alle sehr sommerlich gekleidet. Ein Stück weiter lässt der Wind tatsächlich nach. Es ist beinahe windstill und die Sonne heizt mit enormer Kraft vom Himmel. Nun habe ich die Qual der Wahl, an welchem der glasklaren Seen ich mein Sonnenplätzchen einrichte. Und während ich noch überlege, ob ich meine Füße ins eiskalte Wasser halten soll, stürzen sich neben mir zwei Bur-schen, die gerade ihre 7-tägige Cam-pingtour abgeschlossen haben, übermütig in den See.

Das heutige Tagesziel ist der „Hauptort“ des Parks. Neben dem Refu-gio Las Torres gibt es ein großes Lu-xushotel und auch viele Tagesbesucher kommen hierher, um zu den berühmten Felstürmen Torres del Paine, nach denen der Park benannt ist, zu wandern. Obwohl auch auf den anderen Strecken noch relativ viele Leute unterwegs waren, hier ist noch mehr los. Doch all das ist sicherlich harmlos im Vergleich zum Hochsommer, wenn die Refugios ausgebucht und die Campingplätze überfüllt sind.
Die beliebte Tageswanderung zu den Torres del Paine bildet auch den Abschluss meines Besuchs hier im Na-tionalpark. Wieder starte ich zeitig los. Gleich hinter dem Hotelgelände hoppelt ein Hase durch das niedrige, vertrocknete Gras. Plötzlich tauchen in einiger Entfernung zwei ausgewachsene Rotfüchse auf. „Jetzt geht es dem armen Hasen an den Kragen“, sorge ich mich und im gleichen Moment laufen die beiden Füchse auch schon los. Zähnefletschend. Allerdings nicht zum Hasen, sondern in meine Richtung. Immer näher kommend schlagen sie erst in letzter Sekunde einen Haken und verschwinden im Gebüsch. Genauso sprachlos vor Schreck wie ich ist auch Gabriela, eine Argentinierin, die zu mir aufgeschlossen hat. Gemeinsam wandern wir weiter. Die nächsten Tiere, die uns begegnen, sind zwar noch größer, aber harmlos. Der erste Teil des Anstiegs zu den Torres wird von vielen Besuchern nämlich gerne auf dem Rücken eines Pferdes in Angriff genommen. Während mir Gabriela viel über ihre Heimat erzählt, kommen uns schon die ersten Wande-rer von oben entgegen. Sie haben am Campingplatz in der Nähe der Türme gezeltet und erzählen von einem fan-tastischen Sonnenaufgang.
Wir beeilen uns, da schon langsam Wolken aufziehen und wir die Türme auch gerne noch in voller Pracht sehen möchten. Außerdem verläuft der Weg recht unspektakulär durch das noch schattige, bewaldete Tal. Erst der letzte Anstieg wird wieder interessant.

Steil führt der Weg durch Felsbrocken und Steine hinauf. Die Spannung steigt. Sind die Türme noch frei von Wolken? Erstaunlich wenige Wanderer trotzen dem kalten Wind und genießen das herrliche Panorama, das leider schon einen kleinen Schönheitsfehler hat, da die Felsspitzen bereits von den Wolken verhüllt sind. Dafür ziehen zwei Kondore mit eleganten Flügelschlägen ihre Kreise über den Gletschersee.

Beim Abstieg präsentiert sich der Park noch einmal von seiner schönsten Seite. Das Farbenspiel, der sich zusehends verfärbenden Blätter hat scheinbar seinen Höhepunkt erreicht. In der warmen Mittagssonne schimmern die Blätter der Lengas besonders intensiv in allen Farbvariationen von strahlendem Gelb über knalliges Orange bis zu feurigem Rot. Jetzt ist er endgültig eingekehrt – der Herbst in Patagonien digitaldruck vorarlberg

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